Alle Fragen bezüglich der Gesundheit und des Verhaltens unserer Pferde können aus der strukturellen Betrachtung der natürlichen Lebensweise wildlebender Pferde einfach und direkt beantwortet werden.

Pferde sind nicht im gleichen Sinn wie z. B. Hunde Haustiere. Ein Hund ist im Vergleich zum Wildtier Wolf immer schon domestiziert. Ein Pferd ist beides in einem: Wildtier und Haustier. Deshalb ist ein Pferd in unserer Gesellschaft vergleichsweise anspruchsvoller in der Haltung als ein Hund.

Zum Beispiel ist die Lunge der Pferde eine stark spezialisierte Hochleistungslunge: Sie ermöglicht dem freilebenden Beutetier Pferd aus der Ruhe heraus eine schnelle Flucht in vollem Lauf. Andererseits wird sie durch diese Spezialisierung und äußerste Leistungsfähigkeit auch anfällig gegen – in der Natur in dieser Form nicht gegebene – Störfaktoren. Staub und unsaubere Luft wie sie in den meisten Haltungsformen als normal vorkommend angesehen werden, zerstören die Pferdelunge.

Ein weiteres Beispiel ist die Schreckhaftigkeit der meisten unserer Pferde, vor allem der Pferde in Boxenhaltung. Wildlebende Pferde im Herdenverband sind geborgen in ihrem sozialen Gefüge. Sie lieben es, zusammen mit ihrer Herdenfamilie in der Sonne zu stehen, zu dösen und sich gegenseitig zu knubbeln. Diese Art von Entspannung fehlt in der Boxenhaltung größtenteils. In Verbindung mit Bewegungsmangel und Einsamkeit – es ist zwar ein Boxennachbar da, aber dieser wechselt oder er ist unfreundlich oder ständig unruhig etc. – resultiert daraus eine ständige Anspannung, die sich als Schreckhaftigkeit zeigt. Dazu kommt die Reizarmut der Box im Vergleich zum Draußensein.

Die Liste der Beispiele ließe sich endlos fortsetzen.

Aus wenigen strukturellen Gegebenheiten, die für Wildpferde gelten, lassen sich alle Bedürfnisse der Pferde bzw. andererseits alle Schwierigkeiten in der Pferdehaltung mit den daraus folgenden Krankheitsbildern erklären.

 

Pferde sind Bewegungstiere


Abgesehen von (relativ kurzen) Zeiten, in denen sie dösen oder im Tiefschlaf sind, bewegen sie sich dauernd. Atmung, Verdauung, Blutkreislauf, Lymphfluss, Versorgung der Strukturen des Bewegungsapparats mit Nähr- und Schmierstoffen, ein koordiniert tätiges Nervensystem funktionieren physiologisch durch die ständige Bewegung. Bereits die Knochen eines Fohlens – als weiteres Beispiel – können sich nur richtig ausbilden, wenn das Fohlen die Gelegenheit zu Laufspielen im Freien hat.

 

Pferde sind soziale Herdentiere


In der Natur sind Pferde abgesehen von den Tiefschlafzeiten in ständiger Kommunikation mit ihrer Herdenfamilie. Alle kennen sich untereinander von Geburt an, jedes neue Fohlen, das zur Welt kommt, wird von den anderen liebevoll begrüßt. Auch die Stute ist in der Geburtssituation weder allein noch in Unwissenheit darüber, was überhaupt mit ihr passiert, weil sie schon andere Stuten bei deren Geburten gesehen hat. Die Fohlen wachsen in der Herde geborgen auf und haben von Anfang an die Gelegenheit, Pferdesozialverhalten zu erlernen. Später lernen sie von den älteren Pferden, welche Pflanzen zur Ernährung geeignet sind und welche nicht und vieles andere mehr. Eine direkte – für Mutter und Kind hochtraumatische – Trennung kommt nicht vor. Das junge Pferd verliert einfach nach und nach den ständigen Kontakt mit der Mutter und ist mehr mit Gleichaltrigen zusammen. Jedes Pferd in der Herde hat bestimmte Aufgaben zu erfüllen und lebt im Rahmen einer sinnvollen hierarchischen Ordnung.

Befinden sich die Pferde in menschlicher Obhut, wird auf ihre sozialen Bedürfnisse in einer Familienstruktur mehr oder weniger keine Rücksicht genommen. Zu den Boxennachbarn ist wenn überhaupt nur ein Kontakt mit der Nase möglich oder sogar nur Sichtkontakt. Der Boxennachbar kann auch beliebig oft wechseln oder das Pferd muss nach Besitzwechsel in einen neuen Stall. Häufig, vor allem bei jungen Sportpferden, gibt es auch keine menschliche Bezugsperson. Selbst wenn es eine menschliche Bezugsperson gibt, ist diese häufig nicht in der Lage, verstehbare Regeln und eine reibungslos funktionierende Kommunikation zu etablieren. Die Pferde sind dauerhaft unsicher, isoliert, gelangweilt, überfordert und vereinsamt. Trauer und Selbstaufgabe werden meist gar nicht bemerkt, solange das Pferd als Sport- und Freizeitgerät noch die volle Funktionstüchtigkeit hat. Widersetzlichkeit wird bemerkt und mit Strafe korrigiert.

 

Pferde sind Steppentiere


Ursprünglich bestand die Nahrung der Pferde aus niedrig energetischem, faserreichem Gras. Ihr Verdauungssystem ist auf Fresszeiten von 15-18 h/Tag ausgelegt. Rund-um-die-Uhr-Beobachtungen an Weidepferden ergeben, dass sie nie längere Fresspausen als höchstens 3 h machen. Aus medizinischer Sicht darf eine Futterkarenz nicht länger als 6-8 h andauern. Andernfalls werden komplexe physiologische Abläufe gestört. Viele Pferde erleben jede Nacht während der zu langen Futterkarenz Schmerzen und Stress. In einem Zusammenhang mit Futterkarenz und zu kurzen Fresszeiten (mehr Kraftfutter, weniger Rohfaser) stehen auch eine mangelnde Speichelsekretion wie eine gestörte Dünndarmverdauung- und Dickdarmfermentation mit Fehlgärungen. Artgerecht ist ein freies Angebot an Heu rund um die Uhr.

In vielen Pferdeboxen gibt es im Lauf der Nacht, meistens schon weit vorher, keinen Halm frisches Stroh mehr, der anstelle von Heu gegessen werden könnte. In der Natur stehen Pferde nicht in ihren eigenen Ausscheidungen. Sie sind Nomaden und wenn sie länger in einem Gebiet sind, legen sie Toilettenplätze an, an denen nicht gegessen oder geschlafen wird. In schmutzigen Boxen wird ihr Verdauungsapparat geschädigt, aber auch ihr Atmungsapparat durch die Ammoniakdämpfe – und darüber hinaus die Hufe, weil Ammoniak Horn angreift.

 

Pferde benötigen frische Luft und Sonnenlicht


Pferde sind Beute- bzw. Fluchttiere


  • Sie erleben Menschen in vielen Situationen schnell als Angreifer/als Jäger
  • Die Kommunikation zwischen so verschiedenen Arten ist schwierig, sobald der Rahmen in der Sozialisation als Fohlen und Jungpferd sicher gelernter Standardverhaltensweisen und -situationen verlassen wird
  • Menschen sind in ihren Reaktionen und Wahrnehmungen viel langsamer und unsensibler.

 

Diese Sachverhalte ermöglichen andererseits auch den Blick auf sehr Positives in unserem Zusammenleben mit Pferden, das von den Pferden ausgeht:

  • Auf irgendeine Weise beschützen sie uns tatsächlich ständig: Sie haben gelernt auf unseren verletzlicheren und langsameren Körper Rücksicht zu nehmen
  • Sie beschränken sich in Stresssituationen darauf, wenn überhaupt, uns zu drohen, direkte ernstgemeinte Angriffe mit Folge schwerer Verletzungen gibt es nahezu nicht
  • In den allermeisten Fällen zeigt sich, dass sie uns lieben (könnten) und unsere Nähe suchen
  • Sie tun nahezu alles freiwillig für uns, wenn wir ihnen die Zeit gelassen haben zu verstehen was verlangt ist und ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis besteht.

Bitte versetzen Sie sich in jeder problematischen Situation und ansonsten einmal jeden Tag in Ihr Pferd. Stellen Sie sich vor, sie wären in seinem Körper und würden die Welt aus seinen Augen sehen – stellen Sie sich vor, wie Sie dann jeweils handeln würden.

Vielleicht gelingt es Ihnen sogar, ab und zu eine kleine Kommunikation mit ihm zu etablieren. Denn einmal abgesehen vom Reiten, wo Sie eine Einwirkung geben und von ihm eine Reaktion erhalten, was eine direkte Kommunikation darstellt – können Sie auch im Stall freundliche Fragen an ihn richten, ähnlich wie Sie das mit einer Freundin bei der Begrüßung tun würden: „Wie hast du heute Nacht geschlafen? Wie fühlst du dich?“ Versetzen Sie sich in ihn hinein und sehen Sie sich seine Umgebung genau an. Jetzt können Sie seine Antwort wahrscheinlich fast in Ihrem Kopf hören: „Lieb dass du fragst, du weißt ja, ich schlafe nur kurz tief, den Rest der Nacht war mir langweilig und ich hatte Hunger. Mein Boxennachbar muss heute aufs Turnier, er weiß das, weil sie ihm gestern schon die Zöpfe gemacht haben, er hat Angst davor und war ständig unruhig und hat nur nach mir geschnappt wenn ich meine Nase an seine legen wollte“.

Diese Seite verwendet Cookies. Indem Sie diese Seite ansehen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen zu Cookies