Natürlicherweise sind Pferde untereinander und im Zusammensein mit uns friedlich, entspannt, verschmust, anmutig, neugierig, fröhlich… Demgegenüber sehen wir leider in der täglichen Realität auf der Stallgasse, in der Box, in der Halle, Pferde, die offensichtliche Zeichen des Unwohlseins äußern: Einen gestressten Gesichtsausdruck, einen verspannten Rücken, ein verkrampftes Maul, heftiges Kauen auf dem Gebiss mit offenem Maul, eine Zunge, die seitlich heraushängt, Zähneknirschen, Berührungsempfindlichkeit, Schreckhaftigkeit, Stöhnen bei der Landung nach einem Sprung, heftiges Schwitzen, angelaufene Beine, Entlastungshaltungen für die Beine in der Box, Traurigkeit und Apathie, Stehen mit dem Po Richtung Boxentür, Schnappen und Ausweichen beim Satteln, Triebigkeit sogar beim Ausreiten etc. Denken Sie, Pferde, die sich so benehmen, sind glücklich? Denken Sie, ein Pferd mit diesen Anzeichen wird noch lange gesund bleiben und alt werden können?

Möglicherweise wäre es kein Fehler, wenn ein Dressurreiter, der sein Pferd nur noch mit Kandare reiten kann oder der auf einem Pferd sitzt, das kurz nach dem Anreiten noch bei weitem schönere Bewegungsabläufe gezeigt hat als es das als ausgebildetes Pferd tut, einmal über den Sinn von Dressur und Gymnastizierung nachdenken würde.

Durch die fortschreitende Gymnastizierung sollte doch das Pferd sich immer freier, leichter und schöner bewegen können und immer rittiger werden? Mit einem sinnvollen, an das jeweilige Tier angepassten Trainingsablauf zum Aufbau der Lektionen und notwendigen Muskeln ist das möglich. Um das Pferd physisch und psychisch gesund und motiviert zu erhalten und auch um als Reiterin Freude beim Reiten zu empfinden, sind vor allem vier Ansätze wichtig:

  • Zusammenarbeit mit dem Partner Pferd 
    Es ist wichtig, auch während dem Reiten es nicht aus den Augen zu verlieren, dass wir mit unserem Pferdefreund zusammen ein Ziel erreichen möchten. Deshalb sollte die Reiterin immer liebevoll offen für die Kommunikation bleiben, auf die Rückmeldung des Pferdes hören und ihr eigenes Verhalten ständig reflektieren. Es ist sehr wichtig, das Pferd nicht immer gleich zwingen zu wollen, wenn etwas nicht geklappt hat, sondern das Warum zu hinterfragen. Und umgekehrt, den Pferdefreund für jede Kleinigkeit, die er gut gemacht hat, zu loben, nicht zu viel auf einmal zu verlangen und eine Trainingseinheit mit etwas Positivem zu beenden. Dann kann er positiv lernen, lernt schnell und bleibt motiviert.
  • Gleichgewicht und Koordination
    Ein Pferd soll erhaltend gearbeitet werden. Um Überbelastung und frühzeitigen Verschleiß zu vermeiden, ist es wichtig, dass das Pferd ins Gleichgewicht gesetzt wird, d.h., es muss lernen, das Reitergewicht ausbalanciert zu tragen. Dafür müssen einerseits die richtigen Muskeln nach und nach aufgebaut werden. Andererseits muss das Pferd selbst lernen, sich ausbalanciert und koordiniert zu bewegen. Das kann es nur dann tun, wenn die Reiterin ihm gezielt die Balance, Koordination, Agilität und Rittigkeit verbessernde Lektionen erlernt und diese immer wieder abruft und trainiert. Solche Lektionen sind vor allem die Seitengänge, besonders das Schulterherein und die Tempoänderungen. Gleichzeitig müssen diese Lektionen in einer zwanglosen Art und Weise geübt werden, so dass das Pferd selbst ein Gefühl für eine gute Bewegung erhält.
  • Muskelaufbau
    Nur ein entspannter Muskel kann aufgebaut werden. Zwischen den Trainingseinheiten müssen Ruhezeiten liegen. Es ist nicht sinnvoll, dieselben Muskelgruppen öfter als alle 48 h zu trainieren. Um die Motivation des Pferdes zu erhalten, darf nicht über die Ermüdungs- bzw. Schmerzgrenze hinaus weiter gearbeitet werden. Wiederholungen einer einzelnen Lektion sollten deshalb nicht häufiger durchgeführt werden als das Pferd sie einwandfrei und kraftvoll zeigen kann. Ansonsten provoziert man Schonungshaltungen von Beginn der Lektion an und kann einen Motivations- und Vertrauensverlust nicht vermeiden.
  • Freude erhalten
    Pferde arbeiten und lernen am Besten in der ihnen eigenen entspannten, harmonischen und verspielten Art – auch für die Reiterin ist es dann viel schöner.