In seinen natürlichen Lebensbedingungen, also als Mitglied einer Herde, hat ein Pferd recht genau vorgegebene Handlungsoptionen und Aufgaben. Noch dazu werden mögliche/erwünschte Handlungen von den älteren Pferden abgeschaut und erlernt. Fohlen, junge und ältere Pferde, die in der Obhut von Menschen sind, müssen einen großen Teil des erwünschten Verhaltens von ihren Menschen lernen.

Hierbei ist es optimal, wenn dem Pferd die Chance gegeben wird, von Anfang an alles richtig zu machen, so dass unerwünschte Verhaltensweisen tatsächlich nicht vorkommen und insofern gar nicht erst geübt werden.

In jeder Situation, in die es kommt, hat ein Pferd bestimmte Handlungsmöglichkeiten. Vielleicht kann man sich das gut vorstellen wie einen Weg, auf dem man geht und der sich dann in verschiedenen Richtungen verzweigt. Die Wege in den verschiedenen Richtungen sind unterschiedlich stark benutzt und dementsprechend sind sie nur ein schmaler Seitenpfad oder ein breit ausgetretener Hauptweg. Optimal ist es nun, wenn das Pferd sich in vollem Galopp der Kreuzung nähert und sich ohne zu zögern für den breiten Hauptweg entscheidet – wobei dieser Hauptweg das oft wiederholte und erprobte erwünschte Verhalten ist. Ich will damit nicht sagen, dass das Pferd sich eigenmächtig für einen Weg entscheidet. Sondern der richtige Weg kann es auch sein, bei mehreren Handlungsoptionen erst einmal gewohnheitsmäßig darauf zu achten, was der menschliche Partner in der Situation vorschlägt. Z.B. in einer Stresssituation nicht gleich wegzurennen, sondern erst einmal zu sehen, ob der menschliche Partner ruhig bleibt und was er tun möchte.

Ein Pferd das in Ruhe möglichst viele positive Handlungsoptionen erlernt hat, wird ein entspanntes, zufriedenes und für den Reiter sicheres Pferd sein, mit dem die Kommunikation leicht fällt und Spaß macht. Es liegt an uns, ein solches Pferd zu haben.

Es setzt voraus, viele Dinge, z.B. das Hufe-Auskratzen, das Gesattelt-Werden oder das Aufsteigen, dem Pferd in Ruhe und vor allem in einer positiven und entspannten, für das Pferd angenehmen Situation zu Erlernen. Diese Dinge werden täglich benötigt und abgerufen und es trägt ganz entscheidend zum Wohlbefinden für Pferd und Reiterin bei, wenn sie entspannt und reibungslos ablaufen können oder sogar an sich schon Spaß machen. Zwang und Stress sollten bei diesen täglichen gemeinsamen Handlungen von Anfang an nie vorkommen.

Nicht von jedem Pferd kann in jeder Situation verlangt werden, so zu handeln wie ein perfekt ausgebildetes älteres charakterstarkes Pferd. Manchmal sind die von uns gewünschten Handlungen für das Pferd doch gar nicht so einfach wie sie für uns erscheinen. Also sind sie zu komplex und müssen in einzelne Lernschritte zerlegt werden – dann klappt es.

Da sich einmal erlernte unerwünschte Verhaltensweisen – und ein Vollblut wird schon beim ersten Mal oder spätestens bei der ersten Wiederholung lernen – nachher kaum noch korrigieren lassen, ist es besser, im Vorhinein schon nachzudenken und ein Pferd gar nicht erst in eine Situation zu bringen, die wahrscheinlich entgleisen wird.